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Susanne Morath & Helmut Wehrfritz

Wirtschafts- und Familienmediatoren

(Ausbildung nach BMWA und BAFM)

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Praxisfall aus der Schulmediation
"Schulmediation - statt Schulstrafe"

Die Vorgeschichte

Vor mehreren Jahren kam eine Lehrkraft mit dem Klassensprecher und einem weiteren Schüler, der besondere Probleme in der Klasse bereitete, zu mir ins Direktorat. Solche Situationen gehörten als Schulleiter zu meinem Schulalltag. Man berichtete aufgeregt, dass dieser Schüler Mitschüler gegen Entgelt für sich arbeiten lasse, er sei ruppig, habe heute wieder einen Mitschüler herum geschubst und sei insgesamt überheblich. Der so Beschriebene saß merklich verlegen dabei und wusste nicht, was er sagen sollte.

Was ich jetzt als Schulleiter hätte machen müssen, war mir klar:

  • Weitere Schüler hätten befragt werden müssen.
  • Strafwürdiges Verhalten müsste erkundet werden.
  • Die Art einer eventuellen Schulstrafe wäre zu klären.

Damit wäre die Ordnung in unserer Schule wieder hergestellt gewesen.

Nun war ich aber - zusammen mit Frau Morath - an unserer Schule frisch ausgebildeter Schulmediator. Deshalb habe ich es diesmal anders gemacht. Ich bin überzeugt, dass dann, wenn zwei sich streiten, meist beide Schuld haben. Denn Streit ist ein dynamischer Prozess, in dessen Verlauf schließlich sich auch der ursprünglich tatsächlich Unschuldige schuldig macht. Und am Ende ist unwichtig, wer mit dem Streit angefangen hat.

Da saß nun ein Schüler - nennen wir ihn Andy - einem Schulleiter, einer Lehrkraft und einer Klassensprecherin gegenüber, buchstäblich in die Ecke gedrängt. Und es wurde angeboten, noch mehr Schüler als Zeugen zu holen.

Ich habe nun einfach nachgefragt, mit welchem Mitschüler Andy vor allem Streit habe. Nun wollte man mir gleich mehrere Schüler schicken, aber gerade das fand ich nicht richtig. Andy sollte die Chance haben, mit einem Schüler - also auf gleicher Ebene - sich auseinander zu setzen. Man einigte sich sehr schnell auf einen bestimmten Schüler, ich nenne ihn Benny.

Hier galt es, so habe ich das empfunden, sehr sensibel die Befindlichkeiten aller Beteiligten zu beachten:

  • Da war die Lehrerin, die ich, ohne dass sie ihr Gesicht verliert, bitten musste, es doch einmal anders zu probieren. Schließlich habe ich ja ihr die Entscheidungsbefugnis, eine Strafe zu verhängen (oder von mir verhängen zu lassen) abgenommen.
  • Da war die Klassensprecherin, die für eine Mehrheit der Klasse stand. Auch ihr - und damit der Klasse - habe ich die "Autorität" zu entscheiden, was für die Klasse richtig ist, untergraben, denn sie konnte jetzt in diesem Fall in ihrem Amt nicht weiter tätig werden.

In Einzelgesprächen mit der Kollegin und der Klassensprecherin habe ich um Aufschub gebeten für ein interessantes Experiment, das von Frau Morath (Schulpfarrerin) und mir (Oberstudiendirektor) ausprobiert werden sollte. Man hat es akzeptiert. Und so begann unsere erste Co-Mediation an der Erlanger Wirtschaftsschule.

Eine Anmerkung zum Thema Schulmediation

Schulmediation ist eigentlich Streitschlichtung in Form von Peer-Mediation; das heißt jeweils zwei als Streitschlichter ausgebildete Schüler kümmern sich darum, streitenden Mitschülern nach klaren Regeln beratend beizustehen. Je ein Streitschlichter ist für einen der "Streithähne" als Beistand zuständig. Streitschlichter werden von ausgebildeten Lehrern intensiv auf ihre ehrenamtliche Tätigkeit für ihre Mitschüler vorberteitet. Unsere Streitschlichter waren damals noch nicht voll ausgebildet. Deshalb haben Frau Morath und ich in Co-Mediation den Fall übernommen. Im Nachhinein glauben wir, dass diese tastenden Vorgespräche mit allen Beteiligten dazu beigetragen haben, dass wir so schnell und relativ problemlos zu einem einigenden Ergebnis gekommen sind.

Erste Phase der Mediation

Dann saßen sie sich erstmals in einem Mediationsgespräch gegenüber:

  • Andy (vertreten durch den Schulleiter) und
  • Benny (vertreten durch die Schulpfarrerin)

Vielleicht war es ganz geschickt, dass gerade der Schulleiter den "Looser" in der Klasse, den Andy, vertreten hat. Der Gleichstand, die gleiche Augenhöhe, das Win-Win-Verhältnis oder wie immer man diese wichtige Gleichbehandlung - trotz objektiv einseitiger Verfehlungen - nennen mag, wurde durch die Empathie, die ausgerechnet der Schulleiter für den Außenseiter in der Klasse aufbrachte, gewährleistet. Unter Empathie versteht man die Fähigkeit und die Bereitschaft, sich in andere Menschen einzufülen. Professionelle Arbeit in allen wissenschaftlichen Sparten, die in besonderem Maße mit Kommunikation zu tun haben, ist ohne gekonnte und bewusst gewollte Empathie, die der Gesprächspartner spürt und fühlt, eigentlich nicht denkbar.

Es fällt Schülern natürlich nicht leicht, in Gegenwart von Lehrern über einen Streitfall zu reden, der weh tut und einen bedrückt.

Wir geben im nächsten Absatz einigermaßen wörtlich wieder, wie das Gespräch weiterhin verlief, weil es sich hier um eine Schlüsselszene handelt, die aufzeigt, wie wir mit 'offenen Fragen' bei den Beiden zur Gefühls- und Beziehungsebene vorgestoßen sind. Das folgende Verbatim soll dies dokumentieren.

Wehrfritz fragte Andy: Wie fühlst du dich denn in der Klasse eingebunden? Andy druckste herum und meinte, er wäre hier sowieso der Außenseiter in der Klasse, den keiner so recht mag. Aber er hätte schon auch seine Freunde, mit denen er gut auskommt.

Morath befragte Benny: Was sagst du dazu, Benny? Nun berichtete Benny, dass Andy Mitschülern Geld gibt, damit sie sich beim Pausenverkauf, wo es Wartezeiten gibt, für ihn anstellen, um etwas für ihn einzukaufen. Den Mitschülern zahlte er dann großzügig auch ihr eigenes Pausenbrot.

Morath: Was stört dich denn daran und was denken andere Schüler darüber? Benny: Er stellt sich eben nicht an. Das läßt er andere für sich machen. Er spielt den großen 'Maxe', zahlt für sie und lässt die Anderen für sich arbeiten. Manche in der Klasse sagen dazu, das sei Sklavenarbeit. Und ich sehe das auch so.

Wehrfritz wandte sich nun an Andy: Wie stehst du dazu? Andy blockte zunächst ab und sagte, das sei doch alles Quatsch: Wenn jemand gegen Geld für mich etwas einkauft, ist das völlig korrekt. Das war eine durchaus clevere Antwort und eines Wirtschaftsschülers würdig, dachte Wehrfritz. Trotzdem fragte er weiter: Kannst du verstehen, was deine Mitschüler stört? Darauf Andy: Na klar, die sind neidisch, dass ich mir das leisten kann.

Morath zu Benny: Was geht in dir vor, wenn du das hörst? Benny: Ich bin stinksauer! Es geht nicht darum, was der sich leisten kann, sondern wie sehr er angeben kann. Der spielt sich doch auf, anders kann der doch nicht!

Wehrfritz zu Andy: Was sagst du jetzt? Andy (wütend und aufgewühlt) greift nun Benny an: Und ihr müsst mich immer "verarschen" und ihr lasst keine Möglichkeit aus, mich niederzumachen. Benny hält gleich dagegen: Bleib' doch endlich mal unten. Ständig musst du angeben und dich hervortun. Merkst du nicht, dass dir das kaum einer mehr abnimmt. Andy hält wütend dagegen: Und ihr müsst mich immer "verarschen"!

Wehrfritz schaltete sich nun ein und sagte: Merkt ihr, dass Beides miteinander zusammenhängt: Wenn einer mehr gelten will, als es die Mitschüler wollen, machen sie ihn eben 'kleiner', als er wirklich ist - also lächerlich. Benny wurde gegen Ende der Mediationssitzung von Morath noch gefragt, was er denn persönlich von Andy nun halte. Seine Antwort: Ich habe nichts gegen ihn, aber er müsste halt "unten bleiben". Benny fühlte sich in diesem Gespräch offensichtlich ein bisschen wie ein Vermittler, eine Art Mediator. Wehrfritz bestärkte ihn in dieser Vermittlerrolle, indem er ihn bat zu bedenken, dass er wohl die Mehrheit der Klasse hinter sich habe, Andy dagegen ziemlich allein dastehe. So endete die wohl wichtigste Phase der Mediation.

Zweite Phase der Mediation

Beim nächsten Gespräch, eine Woche später, haben sich die Mediatoren zunächst darauf konzentriert, mit den Medianten das Geschehen wiederholend durchzugehen, sie nach ihren Gefühlen und Beziehungen zu befragen und sich zu erkundigen, was denn in der Zwischenzeit vorgefallen sei. So konnten die Mediatoren Spannungen lösen und Empathie aufbauen. Benny berichtete, dass Andy das 'Gehabe' beim Pausenstand aufgegeben habe. Andy habe wohl auch begriffen, dass er mit seinem überzogenen Verhalten sich nur selbst geschadet hat. Solche Provokationen seien nicht mehr vorgekommen. Benny äußerte auch, dass viele in der Klasse mit Andy wohl etwas herzlos umgegangen seien. Die Mediatoren haben sich gefreut, dass die beiden Schüler nicht nur gefühlt und gespürt haben, um was es hier ging. Sie konnten es jetzt auch bewußt in Worte fassen: Wenn einer sich besonders in Szene setzten möchte, gibt es Andere, die ihn lächerlich machen und ihn also wieder herunter ziehen wollen. Andy hatte wohl von Haus aus große Probleme, sich zurückzunehmen. Aber mit Bennys Hilfe ist es ihm in der Klasse weitgehend gelungen. Wir haben uns dann zusammengesetzt. Und die beiden Medianten haben sich buchstäblich vertragen - auch mit einem schriftlichen Vertrag.

Evaluation

Vier Wochen später hatten wir einen weiteren Termin vereinbart, um zu sehen, ob die Übereinkunft Bestand hatte. Beide berichteten fröhlich: "Es funktioniert!" Wir Mediatoren hatten den Eindruck, dass sie inzwischen recht kameradschaftlich verbunden sind.

Reflexion der Mediatoren

Mediation kann nicht immer so einträchtig und versöhnlich ablaufen. Wir hatten hier schon etwas Glück. Was wäre geworden, wenn die Lehrerin auf Strafe bestanden hätte? Was wäre geschehen, wenn Benny nicht einfach fröhlich und gutmütig 'mitgespielt' hätte? Gerade er hat sich grandios verhalten: Er hat sich immer wieder auf Andy eingelassen und - gefördert durch die Mediatoren - bemüht, ihn zu verstehen. Und er hat es auf wundersame Weise geschafft, auf die Klasse positiv Einfluss zu Gunsten von Andy zu nehmen, wie es kein Lehrer hätte schaffen können. Das ist 'Peer-Mediation' im besten Sinne - und bei Benny sogar ohne Streitschlichter-Ausbildung. Er war ein guter Vermittler in der Klasse, ein hervorragender Mediator.